Im Riesen-Rudel um den Hartsee

Es ist Feiertag. Es ist morgens. Es regnet. Es gibt keinen Grund mich mitten aus meinen Träumen zu reißen und in den Garten zum Pipi machen zu schicken. Und es gibt erst recht keinen Grund, mich um 8.30 Uhr ins Auto zu stecken und mit mir sonstwohin zu fahren. Aber sie tun alles das -Mama und Papa.

Sie wollen irgendeine Wanderung mit dem Tierschutzverein München e.V. um den Hartsee machen. Wo und was das wohl ist?

Vorwurfsvoll liege ich -auch noch ganz alleine- auf der Rückbank und verstehe mal wieder die Welt nicht. Der Regen prasselt kontinuierlich aufs Autodach. Als fast immer gut erzogener Hund versuche ich es einfach mal: weiterschlafen.

Wo kommen die denn alle her?

Nach fast eineinhalb Stunden Fahrt kommen wir auf einem Parkplatz an, und ich sehe schon aus dem Fenster einen Hund. Auch das noch. Ich belle. Als ich aus dem Auto springe, sehe ich einen weiteren Hund. Ich belle. Und plötzlich habe ich so ein ganz komisches Gefühl. Ich verstumme. Denn, Ihr werdet es kaum glauben, der ganze Parkplatz ist voller Hunde. Wo kommen die denn alle her? Es ist vor 10 Uhr. Es ist Feiertag. Es nieselt. Haben die alle kein Körbchen zuhause? Oder sind die alle Opfer -so wie ich? Wir stellen uns in einen großen Kreis um den Parkplatz herum. Mama ist total begeistert: "so viele unterschiedliche Hunde", sie findet die anderen Hunde auch noch "total süß"... Also ohne mich. Ich tue das einzig Vernünftige, drehe mich um und starre angestrengt in die andere Richtung. Vielleicht verschwinden sie ja dann?

Ein Mann kommt zu Mama und Papa. "Ach, da haben wir ja eine ganz alte Dame". Während ich noch denke, dass das ja ganz schön frech ist, das zu Mama zu sagen, sagt sie, dass ich erst sieben bin. Der meinte also MICH? Jetzt schlägt's ja echt dreizehn. Er ist anscheinend einer der Hundetrainer, die die Gruppe begleiten. Als ob ich das bräuchte? Mama sagt ihm, dass ich immer etwas Stress hätte, mit größeren Hunde-Gruppen und sie das heute deshalb mal ausprobieren möchte, diese Wanderung in der großen Gruppe. Er will wissen, ob ich weglaufe. Mama lacht und sagt: niemals. Da hat sie wohl Recht. Warum auch? Mal abgesehen von so Aussetzern wie heute, finde ich mein Rudel ja auch super. Mal sehen, was das heute wird. Ich starre vorerst mal weiter angestrengt in die entgegengesetzte Richtung.

Hunde warten auf Start der Wanderung auf Parkplatz Hartsee-Stüberl
Sind sie noch da?

Schnupper-Paradies

Sie sind nicht weg. Wir gehen alle gemeinsam los. Und wir? Mitten unter ihnen. Und auch noch an der Leine. Was hat sich Mama bloß bei all dem gedacht? Ich laufe stocksteif zwischen Mama und Papa, schaue nicht rechts und links und lasse den Schwanz hängen.

Nach einer Weile locken aber doch viele interessante Gerüche am Wegesrand. Und die anderen Hunde sind eigentlich auch gar nicht so übel. Manche riechen sogar richtig gut -und sie finden wohl das gleiche von mir. Als Hündin und selbst als "alte Dame" bin ich da nicht gegen gefeit und fühle mich entsprechend gebauchpinselt durch das Interesse an meinem Hinterteil.

Mama und Papa plaudern mit einigen Zweibeinern, deren Vierbeiner und ich schnüffeln nebeneinander her. Also eigentlich ist es ja sogar ganz lustig hier. Und regnen tut es auch nicht mehr. Sogar die Sonne kommt hervor. Und der Weg ist echt schön, im Wald direkt am Hartsee entlang. Die Trainer belästigen mich auch nicht. Vielleicht hat Morgenstund doch Gold im Mund?

Hunde an der Leine auf Waldpfad am Hartsee, Landkreis Rosenheim.
Vielleicht macht eine Hunde-Wanderung doch Spaß?

Leinen los!

Nach ungefähr einer Stunde halten wir an. Der Trainer sagt, dass die Hunde, die verträglich sind, hundert Prozent abrufbar sind und keinen Jagdtrieb haben jetzt abgeleint werden dürfen. Alle, die sich angesprochen fühlen, sollen vorgehen. Mama geht festen Schrittes sofort los und steht als Erste an der Weggabelung. Papa raunt ihr noch zu: "Hundert Prozent abrufbar? Bist Du sicher?" Aber Mama steht fest da und ich ebenso fest neben ihr -bin schließlich ein fast immer gut erzogener Hund. Und Papa wird auch noch direkt zum Anführer der Leinenlosen erkoren, weil seine grüne Regenjacke so gut sichtbar ist.

Also jetzt wird es hier richtig cool. Jetzt kann man noch viel mehr Hunde beschnuppern und sich beschnuppern lassen. Wir können sogar ein bisschen spielen und laufen rechts und links, trinken gemeinsam aus dem See. Es macht mir total viel Spaß und ich fühle mich pudelwohl -darf ich das als Bordermix überhaupt sagen? Irgendwann falle ich vor lauter Schnuppern und Schnüffeln zurück und sehe Mama und Papa nicht mehr. Sie bekommen einen Rüffel vom Trainer, dass sie mich bitte im Auge behalten sollen. Ich renne schnell zu ihnen vor -das passiert mir nicht noch mal.

Jetzt, später am Morgen und ohne Regen treffen wir immer mehr Spaziergänger und Hunde. Ach, wenn die wüssten, was sie schon alles vom Tag verpasst haben! Manche Jogger und Spaziergänger sind ganz schön entsetzt, dass ihnen so um die 40 Hunde entgegenkommen. Ein bisschen verstehe ich die ja schon. Ich war ja früher (also vor zwei Stunden ungefähr) auch skeptisch den ganzen Hunden gegenüber. Aber wir sind alle total fröhlich und brav. Und die nicht ganz so Braven sind ja an der Leine.

Hunde und Menschen auf Waldpfad am Hartsee, Bayern.
Gehöre ich echt mal zu den Braven?

Einkehr im Hartsee Stüberl

Nach knapp drei Stunden Spaziergang kommen wir wieder am Parkplatz an. Der Trainer lobt uns alle für unser gutes Benehmen und die hohe Disziplin und bedankt sich für den schönen Spaziergang. Na, da will ich ihm die "alte Dame" und die "grauen Ohrwascheln" mal verzeihen.

Wir kehren sogar noch im Hartsee Stüberl ein. Mama sagt, dass sie das ja echt super findet, dass die so viele Hunde erlauben. Aber Mama ist jetzt doch ein bisschen nervös. Denn in Restaurants wird oftmals deutlich, warum ich ein nur FAST immer gut erzogener Hund bin. Ich mag es nicht so, wenn andere Hunde im gleichen Restaurant sind wie ich -und das teile ich ihnen auch mit. Tatsächlich betreten nach uns welche die Stube. Doch bevor ich Luft holen kann um zu bellen, stoppt Mama mich schon und sagt mir, dass die auch da sein dürfen. Ja wenn Mama das sagt. Nach der alten Dame und den grauen Ohrwascheln kommt es auf die Dreistigkeit eines Labradors, sich direkt unter "meinen" Tisch zu setzen, auch nicht mehr an. Und ich sehe auch großzügig darüber hinweg, dass seine Schwanzspitze ständig vor meiner Nase hin und her wedelt und lege einfach meine Schnauze unter meinen eigenen Schwanz. Und schlafe. Ich bin einfach so cool!

Die Rückfahrt verschlafe ich dann auch komplett und zuhause liege ich selig auf meiner Kuscheldecke und denke an die schöne Wanderung mit den vielen netten Hunden.

Hoffentlich machen wir so etwas bald mal wieder!

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